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Im Rhythmus der Dreschflegel - Altköslarn übt für den historischen Erntedankzug in Kastl

Altköslarn. Es riecht nach altem Holz, nach Kornstaub und nach dem schweren Atem der Männer. Jeder Schlag hallt dumpf durch den Stodl von Josef Prieschenk in Altköslarn, als die Dreschflegel auf den hölzernen Boden krachen.

Altköslarn. Es riecht nach altem Holz, nach Kornstaub und nach dem schweren Atem der Männer. Jeder Schlag hallt dumpf durch den Stodl von Josef Prieschenk in Altköslarn, als die Dreschflegel auf den hölzernen Boden krachen.
Altköslarn. Es riecht nach altem Holz, nach Kornstaub und nach dem schweren Atem der Männer. Jeder Schlag hallt dumpf durch den Stodl von Josef Prieschenk in Altköslarn, als die Dreschflegel auf den hölzernen Boden krachen.

Im Rhythmus der Dreschflegel - Altköslarn übt für den historischen Erntedankzug in Kastl

Funken von Staubkörnern tanzen im schmalen Licht der Fenster, während von draußen Sommerluft hereinweht. Doch hier drinnen scheint die Zeit um hundert Jahre zurückgedreht: Holzschuhe klappern, Leinenhemden sind von Schweiß verfärbt, der blaue Arbeitsschurz baumelt, Strohhaufen türmen sich, das Bier schmeckt. Die fünf Männer – Josef Prieschenk, Michael Thaler, Josef Hörl, Josef Wöhrl und Martin Wöhrl – sind mit voller Hingabe bei der Sache. Sie „proben“ für den historischen Erntedankzug am 14. September in Kastl. Dort werden sie zeigen, wie Generationen vor ihnen in den langen Wintermonaten das Getreide aus den Ähren schlugen.

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Wenn Geduld zur Lebensnotwendigkeit wurde

Dreschen war keine Arbeit, die man „nebenbei“ erledigte. Es war Knochenarbeit, die Geduld und Rhythmus verlangte. In den Stuben ruhte das Leben, draußen knarrte der Schnee – und im Stodl klangen die Schläge der Dreschflegel wie ein gleichmäßiger Trommeltakt. Frauen und Kinder halfen, die Körner zusammenzukehren, sie durch Siebe, die sogenannten „Reitern“, zu schütteln und von Spreu und Unkraut zu trennen. Was übrig blieb, ging an die Hühner oder diente als Einstreu. Auch an diesem Nachmittag in Altköslarn liegt diese Mischung aus Mühe und Stolz in der Luft. Michael Thaler zieht mit der Gabel das ausgedroschene Stroh zur Seite, neues wird nachgelegt, während die Körner im Schwingel aufgetürmt werden. Jeder Griff sitzt, jeder Handgriff erinnert an eine Zeit, in der Überfluss ein Fremdwort war.

Foto: Hans Walter
Foto: Hans Walter
Foto: Hans Walter
Foto: Hans Walter
Foto: Hans Walter
Foto: Hans Walter

„Im Takt bleiben!“ – die Stimme der Alten

„Das muss diesmal besser werden“, tönt es scharf von einer Ecke des Stodls. Dort sitzt die 90-jährige Großmutter von Martin Wöhrl, ein Kopftuch über den grauen Haaren, die Hände fest vor sich verschränkt. Sie weiß noch genau, wie mühsam das Dreschen in ihrer Jugend war – und wie sehr es aufs Bild drückt, wenn einer aus dem Takt kommt. „Beim letzten Mal 2010 habt’s mehr mit den Leuten geratscht als g’schafft – des war nix!“, schimpft sie, und ein Lächeln huscht dabei über ihr Gesicht. Die Männer nehmen es sichtlich ernst. Jeder Schlag, jeder Rhythmus zählt. Früher halfen Sprüche, den Takt zu halten: „Stich Katz oh, hängs Fell auf“ – ein Spruch, der fast schon wie ein altes Arbeitslied klingt. Bei jedem Wort wusste ein anderer Drescher, wann er den Schlag setzen musste. Heute hallt einer dieser alten Sätze wieder durch den Stodl, und vier Männer hämmern im Gleichklang auf den Holzboden.

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Von schwarzen Dampfriesen und Lanz-Bulldogs

Die ältere Generation weiß noch vom Übergang in die Moderne zu erzählen. In den Aufzeichnungen des Kastler Lehrers Josef Scheidler finden sich Erinnerungen an das Jahr 1908, als die Dreschgenossenschaft Kastl-Preißach eine riesige Lanz-Dampfdreschgarnitur beschaffte. Ein schwarzer Koloss, der Kohlen verschlang, Wasser fauchte, Kolben schnaubten und den Hang nur mit Hilfe von acht Ochsen erklomm. Später kam der Lanz Bulldog mit Schwungrad, schließlich der Elektromotor. „Das Alte verschwindet, weil es nicht mehr zu rechtfertigen ist“, schrieb Scheidler. Doch der Schusterfranz im Dorf schüttelte nur den Kopf und meinte damals beim Raps Wirt am Stammtisch trocken: „Das Wetter kann der Mensch nicht machen.“

Erinnerungen von Karl Dimper

Auch Karl Dimper, der Sohn vom „Schusterfranz“ aus Kastl, kann sich noch gut an diese Zeit erinnern. Auf den Höfen in Kastl und Umgebung wurde in seiner Jugend zwar schon nicht mehr mit Dreschflegeln gearbeitet, aber die Dreschmaschinen prägten den bäuerlichen Alltag in den Herbst- und Wintermonaten. Ein Teil des Getreides wurde gleich im Sommer nach der Ernte gedroschen, um frisches Mehl zu haben, der Rest dann im Winter.

Foto: Gemeindearchiv
Foto: Gemeindearchiv
Foto: Gemeindearchiv

Besonders lebendig sind ihm die Dreschmaschinen der Lagerhausgenossenschaft in Erinnerung. Diese wurden damals bereits von Lanz-Traktoren gezogen und mit großen Elektromotoren betrieben. „Den Strom dazu haben wir über lange Leitungen von Hof zu Hof verlegt“, erzählt Dimper. „Die Steckdosen dafür waren beim Vetter in Kastl – und ich hab als Bub fast bei jedem Dreschen mitgeholfen.“ Doch nicht überall kam dieselbe Maschine zum Einsatz. Beim Anwesen Kaufmann in Neuenreuth etwa, so weiß er noch, stand die kleinere Dreschmaschine der Atzmannsberger Genossenschaft. Besonders eindrücklich war für ihn der Wandel nach dem Krieg, als die ersten Traktoren und schließlich die ersten Mähdrescher auf die Höfe rollten. „Da hat sich alles verändert – und das Dreschen, wie wir es kannten, war Vergangenheit.“

„A Gaudi hatten wir auch“

Besonders lebendig schildert der 86-jährige die Männer, die in Kastl die Maschinen führten: „In Kastl waren der Schinnerbauer Seppel und der Kaiser Karl, der ist 1954 gestorben. Die haben die Maschinen geführt. Man hatte auch noch einen alten Lanzbulldog, den musste man mit der Lötlampe vorwärmen und mit dem Schwungrad anwerfen, damit er überhaupt gelaufen ist.“ Der Kaiser Karl sei vor allem für die Bedienung und Überwachung der Maschinen zuständig gewesen, während der Schinnerbauer Seppel das Getreide in die Maschine schob, nachdem andere es vorbereitet hatten. „An der Maschine war dann auch gleich eine Strohpresse mit dabei. Da ist manchmal der Faden gerissen, dann war halt nur eine Seite gebunden.“

Zwei lange Stangen von Dreschmaschine und Strohpresse führten direkt in den Stodl. „Die Bündel waren so 150 bis 180 Zentimeter lang, da hat einer das Stroh genommen, der nächste hat’s aufgeschlichtet.“ Auch die Arbeit, die er übernommen hat, weiß Dimper noch genau: „Als ich ein junger Mann war, hab ich die vollen Getreidesäcke von der Dreschmaschine weggetragen. Fast bei allen Bauern im Dorf hab ich mitgeholfen. Beim Hafer war’s besonders anstrengend, der war zwar leichter, ist aber schneller in den Sack gelaufen. Da musste man schon aufpassen, dass man mitkommt – da ist einem ganz schön warm geworden.“ Für diese Knochenarbeit gab es am Ende manchmal ein paar Mark, aber immer eine ordentliche Brotzeit und ein deftiges Mittagessen. Oft war auch der Schinner Hans mit dabei. Und manchmal kamen Helfer aus anderen Ortschaften. Ganz ohne Spaß ging es aber nicht: „Beim Stanning haben wir einmal der Marille einen Sack voll Getreide ins Bett gelegt – da gab’s freilich wieder Ärger mit dem Vater. Aber a Gaudi hatten wir auch schon. Trotz der harten Arbeit war’s eine schöne Zeit.“

Ein lebendiges Stück Geschichte

Und so hallt im Stodl von Altköslarn heute wieder jener dumpfe Rhythmus, der über Generationen den Winter prägte. Nicht als Nostalgie, sondern als lebendiges Stück Geschichte, das bei den Proben zum Leben erwacht. Die Zuschauer im Stodl klatschen, manche nicken still, und man spürt: Diese Szene hat Kraft – sie verbindet.

Einladung zum Erntedankzug

Wer diese Bilder selbst erleben möchte, hat dazu beim historischen Erntedankzug am 14. September in Kastl Gelegenheit. Dort zeigt die Dorfgemeinschaft von Altköslarn und Gründlhut die mühevolle Kunst des Dreschens – live auf einem Motivwagen, mitten zwischen über 50 Gruppen, Festwägen und Fußgruppen. Es ist ein Fest voller Tradition, Geschichte und Lebensfreude.

Alle weiteren Informationen finden sich hier.

Ein Besuch lohnt sich – für Jung und Alt, für Familien, Geschichtsfreunde und alle, die erleben möchten, wie unsere Vorfahren mit Geduld, Fleiß und Zusammenarbeit ihr tägliches Brot erarbeiteten.