
Historische Stiftendreschmaschine in Kastl entdeckt
Historische Stiftendreschmaschine in Kastl entdeckt
Ein Blick in die Archive zeigt, wie bedeutend dieser Fund ist. Im Amts- und Wochenblatt für Kemnath und Erbendorf vom 16. Januar 1875 ist nachzulesen, dass bereits damals in Kastl eine solche Dreschmaschine im Einsatz war. „Da es gewiss manchen unserer Leser interessieren wird, eine der berühmten Weil’s Hand-Dreschmaschinen arbeiten zu sehen und sich von deren Leistungen, über welche in diesen Blättern schon mehr geschrieben wurde, zu überzeugen, so teilen wir gerne mit, dass der Herr Bürgermeister W. Hößl in Kastl bei Kemnath im Besitze einer solchen ist, dieses heutzutage fast unentbehrliche Gerät mit bestem Erfolge benutzt und gerne bereit ist es seinen Kollegen in Tätigkeit zu zeigen.“ Damit gilt als gesichert: Mit dieser Maschine begann spätestens im Jahr 1875, und somit vor 150 Jahren, in Kastl die Mechanisierung der Landwirtschaft.

Bürgermeister und Pionier: Wolfgang Hösl
Besitzer der ersten Maschine war der damalige Bürgermeister Wolfgang Hösl (1835–1898), der auf dem traditionsreichen „Köslahof“ in Kastl wirtschaftete. Ursprünglich stammte er vom „grünen Baumhof“ in Kastl – dem heutigen Anwesen Walter. Dort war er am 5. Mai 1835 geboren worden, als einziger Sohn der Familie. Seine Schwester übernahm später den elterlichen Hof und heiratete 1862 Georg Michael Walter aus Lämmershof. Aus dieser Verbindung ging unter anderem Hans Walter hervor, geboren am 13. April 1870, der später ebenfalls Bürgermeister von Kastl wurde und dem 7. Regiment Bayreuth angehörte. So verbanden sich die Familien Hösl und Walter eng miteinander.
Am 4. Februar 1862 heiratete Wolfgang Hösl die Witwe Anna Schinner vom „Köslahof“ unweit der Pfarrkirche in der heutigen Bergstraße. Bald darauf kam der Hoferbe Jakob Hösl zur Welt. Bis heute trägt das Anwesen den Familiennamen Hösl.

Ein Erbhof mit Geschichte
Der Hof war nicht irgendein Anwesen: Bereits der damalige Lehrer Josef Scheidler beschrieb das Anwesen nach dem Krieg in seinen Aufzeichnungen als einen der ersten Erbhöfe in Kastl – ein Hof, dessen Flächen über Jahrhunderte nicht durch Erbteilungen verkleinert wurden. 1856 umfasste der Besitz rund 32 Tagwerk Äcker, 15 Tagwerk Wiesen sowie mehrere Tagwerk Wald, Weiher und Ödungen.
Zu den Gebäuden gehörten ein Wohnhaus mit Stallung, ein Stadl mit Schupfe, eine Streuschupfe, ein Hofraum, eine Mildgrube, ein Keller und ein Backofen. Bereits in den ältesten Urkunden des Waldecker Kastenamtes von 1283 taucht der Hof mit an erster Stelle auf. Nach den Wirren des Dreißigjährigen Krieges kam er in den Besitz der Familie Öttl, weshalb sich bis heute der Hausname „beim Öttl“ hielt. Der ursprüngliche Name „Köslahof“ oder „Urhof“ verschwand dagegen weitgehend aus dem heutigen Sprachgebrauch.
Technik nach amerikanischem Vorbild
Die Stiftendreschmaschine arbeitete nach einem System, das 1831 vom Amerikaner Samuel Turner erfunden wurde. Zwei Männer trieben ein großes Kurbelrad an, während eine dritte Person die Garben einführte. Vorne kamen die Körner und das ausgedroschene Stroh heraus. Mit einer Leistung von bis zu acht Zentnern pro Stunde versprachen die Hersteller in ihrer Werbung wahre Wunder: „Kein Körnchen werde zerschlagen, keines im Stroh zurückbleiben.“ Tatsächlich war die Maschine ein Vorläufer jener Technik, die später in den dampfbetriebenen Dreschgarnituren ihre Vollendung fand.
Vom Handantrieb zur Dampfmaschine
Wie lange die Maschine im „Öttlhof“ in Kastl verwendet wurde, lässt sich heute nicht mehr sagen. Wahrscheinlich kam sie nach 1908 außer Gebrauch, als die damals neu gegründete Dreschgenossenschaft Kastl-Preißach eine moderne Dampfdreschgarnitur von den Lanz-Werken anschaffte. Doch schon die Handdreschmaschine markierte einen Einschnitt: Zum ersten Mal konnten Bauern durch Technik einen Teil der mühseligen Handarbeit einsparen.
Seltene Überlieferung – kleine Sensation
Dass ein Exemplar einer solchen Maschine – oder zumindest Teile davon – bis heute erhalten ist, grenzt an ein kleines Wunder. Viele wurden im Laufe der Jahrzehnte zweckentfremdet, das stabile Gestell häufig zu Kreissägen oder anderen Vorrichtungen umgebaut. Für Josef Raps ist der Fund daher ein Glücksfall: „So ein Stück Geschichte darf nicht verloren gehen. Es gehört zu den Anfängen der Mechanisierung hier bei uns im Dorf“, erklärt er.
Raps hofft nun, mehr über die Herkunft und die ursprüngliche Ausstattung seines Fundstücks zu erfahren. „Vielleicht hat jemand in der Region noch Teile, alte Bilder oder Hinweise. Über jeden Tipp freue ich mich“, so der Sammler. Ziel sei es, die Maschine so originalgetreu wie möglich zu erhalten.
Vom Flegel bis zur Hightech-Ernte
Der Fund macht deutlich, wie weit die Landwirtschaft in eineinhalb Jahrhunderten gekommen ist. Vom händischen Dreschen mit dem Dreschflegel über Stiftendreschmaschinen, Dampfdreschmaschinen und Mähdrescher bis hin zu den heutigen Hightech-Geräten spannt sich der Bogen. Wer weiß, vielleicht werden in 100 Jahren unsere modernen Maschinen ebenfalls als „Dinosaurier der Landtechnik“ bestaunt, während KI und Drohnen die Felder bestellen.
Lebendige Erinnerung beim Erntedankzug
Wie das Dreschen mit dem Dreschflegel, der Einsatz der Dampfdreschmaschine oder die Getreideernte mit dem „Wachlerer“ einst ausgesehen hat, können Interessierte am 14. September in Kastl erleben. Beim historischen Erntedankzug wird die harte, entbehrungsreiche Arbeit vergangener Zeiten eindrucksvoll dargestellt.
Alle Informationen zum Festumzug gibt es hier.
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